Früher waren Langzeitbelichtungen immer ein kleines Ratespielchen und mit ziemlich Nervenkitzel verbunden: Belichtungszeit schätzen, Auslöser drücken, Zeit stoppen, Aufnahme beenden, Rauschunterdrückung abwarten mit bangendem Blick auf den Monitor und hoffen, dass die Aufnahme passt.

Heute zum Glück nicht mehr, zumindest für mich, weil Olympus ihren Kameras ein paar geniale Features mitgegeben hat:

Live-Bulb, Live-Time

Live-Bulb wie auch -Time entsprechen dabei der klassischen Langzeitbelichtung. Der Unterschied zwischen diesen beiden Modi ist, dass bei Bulb der Auslöser während der gesamten Aufnahme gedrückt gehalten werden muss, bei Time ein erstes Auslösen die Aufnahme startet und ein zweites Drücken des Auslösers diese beendet.

Bei der im Herbst 2019 vorgestellten OMD E-M5 Mark III erreicht Ihr diese Einstellungen schnell und einfach über den „B“ Modus auf dem Einstellrad. Bei den anderen Kameramodellen sind diese gut versteckt und zwar im Modus „M“ ganz am Ende hinter der Belichtungszeit von 60’’.

Bei Live-Bulb wie auch -Time wird so lange „Licht gesammelt“ wie der Verschluss geöffnet bleibt, Langzeitbelichtung eben 🙂 Der große Vorteil bei Olympus ist nun, dass auf dem Display live angezeigt wird, wie sich das Bild aufbaut. Praktischerweise inkl. Histogramm. Ich kann die Belichtung somit über die komplette Zeit beobachten und die Aufnahme in dem Moment beenden, wenn das Bild meinen Vorstellungen entspricht. Keine Raten und Schätzen der Belichtungszeiten mehr und damit deutlich weniger Fehlversuche.

Allerdings wird das Bild auf dem Monitor nicht durchgängig aktualisiert, sondern in einer, vorher in dem Menü eingestellten, vordefinierten Intervalldauer. Bis ISO 200 sind dies 24 mögliche Vorschauen, bei höheren ISO Werten weniger mit möglichen Werten zwischen 0.5 Sekunden bis 60 Sekunden. Ihr solltet Euch also vorher grob überlegen, wie lange Ihr insgesamt belichten möchtet, um ein sinnvolles Intervall einzustellen. Nach Ablauf der 24 Vorschauzeiten läuft die Belichtung natürlich weiter, nur wird die Anzeige am Monitor dann nicht weiter aktualisiert.

Es ist zusätzlich möglich, den Bildschirm durch halbes Drücken des Auslösers zu aktualisieren. Allerdings zählt jede solche Betätigung als eine der maximal 24 Aktualisierungen.

Grundsätzlich empfehle ich übrigens für jede Art von Langzeitbelichtungen ein Stativ, einen Fernauslöser (Funk oder Kabel), einen ausgeschalteten Bildstabilisator sowie ein manuelles Fokussieren.

Live-Composite

Noch genialer aus meiner Sicht ist die Funktion Live-Composite. Dabei wird nicht ein Bild lange belichtetet, sondern mehrere immer wieder „richtig“ belichtete Bilder aufgenommen und miteinander zu einem einzigen Foto verrechnet.

Dafür stelle ich zuerst eine „Grundbelichtung“ ein, mit welcher das Basisbild korrekt belichtet sein wird. In meinem Beispielbild aus den USA (von meiner Stormchasing Tour im Mai 2019) sind dies 0.5 Sekunden bei ISO 200 und der Blende 5.6. Mit dieser Einstellung werden die Wiese und der Fahrweg im Vordergrund wie auch die dunklen Gewitterwolken nicht zu hell, aber noch mit ausreichend Zeichnung belichtet. Die 0.5 Sekunden sorgen aber auch dafür, dass die jeweils nur für einen Bruchteil einer Sekunde erscheinenden Blitze erfasst werden.

Und hier kommt nun – die fast schon Zauberfunktion – Live Composite ins Spiel. Jede zusätzliche Aufnahme (mit der genannten Einstellung) wird nun von der Software in der Kamera mit dem Basisbild verglichen, und es werden nur die helleren Bildanteile übernommen. Bei einer Langzeitbelichtung würden der Vordergrund wie auch Himmel mit der Zeit immer heller werden und irgendwann komplett überstrahlen. Nicht aber im Live-Composite Modus, da an dieser Stelle keine helleren Bildanteile hinzukommen – das wäre z.B. nur dann der Fall, wenn ein Auto die Straße entlang fahren würde. Wiese und Himmel verändern sich also nicht, während jedoch jeder weitere Blitz mit aufgenommen wird.

So kann ich ganz gemütlich – so gemütlich es sich halt an einem eisigen stürmischen Gewitter steht – am Monitor live verfolgen, wie ein Blitz nach dem anderen auf das Bild gebannt wird. Bis ich irgendwann zufrieden und glücklich mit dem Ergebnis war bzw. dann auch „Angst“ hatte, zu viele weitere Blitze würden die bisher aufgenommen störend überlagern. In diesem Moment habe ich den Auslöser gedrückt und die Aufnahme beendet. 

Dabei nimmt die Kamera, wie auch schon zu Beginn der Aufnahme, noch einen sogenannten „Darkframe“ auf. Dieser dauert dabei zum Glück nur so lange wie die eingestellte Basisbelichtungszeit. Im Gegensatz zu den Modi Live-Bulb oder -Time, wo der Darkframe in der Dauer der gesamten Belichtungszeit erfolgt.

Also habe ich nur noch eine halbe Sekunde warten müssen, bis dieses einzigartige Naturschauspiel in einem einzigen Bild und natürlich auch im RAW Format auf meine Speicherkarte geschrieben worden ist.

Die einzige „Einschränkung“ des genialen Live-Composite Modus ist die maximale Aufnahmedauer von drei Stunden. Ansonsten sind den kreativen Möglichkeiten – weitere Beispiele folgen – keine Grenzen gesetzt.